Europa Kundgebung in Lubowitz

1990: Europakundgebung in Lubowitz

Es war eine Zeit voller Emotionen und vieler Hoffnungen, nachdem die polnischen Gerichte in der ersten Jahreshälfte 1990 nach und nach die einzelnen Bezirksverbände der Deutschen Freundschaftskreise (DFK) registrierten und die Menschen Oberschlesiens sich endlich zu ihrer Identität offen bekennen konnten, wenn auch nach den Nachwahlen zum Senat, die Heinrich Kroll als deutscher Kandidat zwar verlor, dabei aber doch einen überraschenden Achtungserfolg erzielte, die "nationalen Wogen" in Oberschlesien hochschlugen, wobei der Wahlkampf von Dorota Simonides (sie kandidierte damals für die Solidarnosc) und die lokalen polnischen Medien an der aufgereizten Situation nicht ganz unbeteiligt waren. Mitte Juli 1990 folgte die dreitägige Visite des CSU-Europapolitikers Otto von Habsburg in Oberschlesien, die seinerzeit von den lokalen Medien stark beachtet wurde. Zusammen mit dem damaligen BdV -Generalsekretär Hartmut Koschyk führte der Sohn des letzten österreichischen Kaisers politische Gespräche u.a. in Groß Strehlitz mit polnischen und deutschen Kommunalpolitikern und stattete auf Einladung der Franziskanermönche in Sankt Annaberg dem berühmten Wallfahrtsort einen Besuch ab. Höhepunkt des Besuches war aber eine große Europakundgebung am 20. Juli vor den Ruinen des Eichendorffschen Schlosses in Lubowitz bei Ratibor, das der DFK-Kreisverband Ratibor und die AGMO (damals noch „Arbeitsgemeinschaft Menschenrechtsverletzungen in Ostdeutschland“ in der Schlesischen Jugend) organisierten. Mit minimalen Kostenaufwand und viel ehrenamtlichem Engagement - etwas, was heute vielfach in Vergessenheit geraten ist - wurde ein Fest auf die Beine gestellt, welches bis heute nicht mehr wiederholt werden konnte. Mehr als hundert Reisebusse und mehrere hundert PKWs verstopften Lubowitz, geschätzte 10.000 Oberschlesier - manche sprachen auch von 15.000 - fanden den Weg in das kleine Dorf, um an der Veranstaltung teilnehmen zu können, die mit einem deutschsprachigen Hochamt eingeleitet wurde, das der Abt von Maria Laach, Adalbert Kurzeja, und der Ortspfarrer Heinrich Rzega gemeinsam zelebrierten; die Predigt hielt übrigens der unvergessene Pater Johannes Leppich. Anschließend folgten die politischen Reden Habsburgs und Koschyks ("Oberschlesien soll das Südtirol des Ostens werden!") sowie ein Grußwort des überraschend anwesenden Herbert Hupka, dem sich abschließend noch ein Konzert des damals in Oberschlesien beliebten Liedermachers Gerd Knesel anschloß. Das damalige Engagement und auch die gezeigten emotionalen Bindungen wünscht man sich heute zurück, denn manches flaute zwischenzeitlich ob des freiheitlichen Materialismus ab. Würde man heute noch einmal eine solche Großveranstaltung auf die Beine stellen und Einigkeit demonstrieren können? Nf

Schlesien heute 7/2000, Seite 37

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